Das “Böse” - ein Begriff, der Abgründe aufreißt und Fragen aufwirft, die an die Grundfesten unseres Menschseins rühren. Als ich selbst einmal Opfer eines gewalttätigen Überfalls wurde, bei dem die Täter offenbar nur aus Lust an der Grausamkeit handelten, wurde mein Glaube an das Gute im Menschen zutiefst erschüttert. Dieser Überfall hat mich und meine Sicht auf die Welt nachhaltig verändert. Mit einem Schlag wurde mir klar, dass es “böse Menschen” gibt und dass meine bis dahin kindlich naive Weltsicht - “Wenn ich zu den Menschen lieb und freundlich bin, sind sie es zu mir auch” - nicht mehr galt.
Seitdem lässt mich die Frage nicht mehr los: Wissen die Menschen, dass sie böse sind, wenn sie Böses tun? Bei meinem Besuch der KZ-Gedenkstätte Buchenwald wurde mir dieser Kontrast schmerzhaft bewusst. Dort gab es einst neben dem Lager einen kleinen Tierpark, und die Lagermitarbeiter lebten mit ihren Familien in unmittelbarer Nähe. Nach Dienstschluss schlenderten sie mit ihren Kindern durch den Tierpark, in Sichtweite der Gefangenen. Dieselben Männer, die tagsüber Menschen erschossen, waren nun liebevolle Familienväter. Wie erklärt man das seinen Kindern, seiner Familie? Diese Kontroverse erzeugt in mir ein unbeschreibliches Gefühl.
Die Abgründe der Geschichte
Ein Blick in die Geschichte der Menschheit offenbart unzählige Beispiele für menschliche Grausamkeit, die jedes Vorstellungsvermögen übersteigen. Holocaust, Sklaverei, Völkermord - die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Es gibt da für mich kein “Ranking” des Schreckens. Generell finde ich es abscheulich, wie Menschen miteinander umgegangen sind und immer noch umgehen. Ich vermute, dass die Grundlage für “das Böse” immer in der eigenen Überhöhung liegt. Man hält sich selbst und die eigene “Rasse” für etwas Besseres und entmenschlicht so die Menschen, die man misshandelt, unterdrückt oder vernichtet.
Ein besonders verstörendes Beispiel ist für mich die sogenannte “Wannseekonferenz” von 1942, bei der führende Vertreter des NS-Regimes die systematische Ermordung der europäischen Juden beschlossen. Hochrangige Beamte saßen zusammen und beschlossen die “Lösung der Judenfrage”, als wäre es ein bürokratischer Akt. Und am Nachmittag gingen sie zu ihren Familien und waren wieder “Papa”.
Psychologie des Bösen
Wie ist ein solches Nebeneinander von Grausamkeit und Normalität möglich? Psychologen haben sich intensiv mit den Mechanismen beschäftigt, die “normale” Menschen zu Tätern werden lassen. Ein zentraler Faktor ist tatsächlich das Phänomen der Dehumanisierung: Durch psychologische Distanzierung und Entmenschlichung der Opfer wird die Hemmschwelle für Gewalt und Grausamkeit massiv gesenkt. Die Täter sehen ihre Opfer nicht mehr als gleichwertige Menschen, sondern als Objekte oder Tiere. So können sie ihr eigenes Verhalten vor sich selbst rechtfertigen.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Prinzip von Befehl und Gehorsam in hierarchischen Strukturen, wie der Psychologe Stanley Milgram in seinen berühmten Experimenten nachgewiesen hat. Menschen sind erstaunlich bereit, auch grausame und unethische Handlungen auszuführen, wenn diese von einer Autoritätsperson befohlen werden. Die Verantwortung für das eigene Tun wird an die befehlende Instanz abgegeben.
Ausprägungen des Bösen
Doch braucht es immer einen ideologischen Überbau oder ein System der Unterdrückung, um Menschen zu Unmenschlichkeit zu treiben? Meine Erfahrungen im Alltag zeigen, dass sich das Böse auch in kleinen, scheinbar banalen Situationen offenbaren kann. Ungerechtigkeit stößt mir sehr auf, auch und gerade bei Kleinigkeiten. Zum Beispiel im Straßenverkehr, wenn sich andere Verkehrsteilnehmer nicht an Regeln halten und diese bewusst missachten, wenn sie schwächere Verkehrsteilnehmer gängeln, nötigen und regelrecht bedrohen. Eine Gesellschaft funktioniert nur solidarisch - in allen Bereichen.
Auch in der Kriminalgeschichte finden sich Beispiele von Tätern, die sich ihrer Bosheit durchaus bewusst zu sein scheinen. Bei der Geiselnahme von Gladbeck 1988 gab es mehrere Interviews mit Hans-Jürgen Rösner, einem der Täter. Er sagte, er habe nichts mehr zu verlieren, sein Leben sei quasi von Kindheit an zerstört gewesen. Sinngemäß sagte er so etwas wie “Ich bin einfach kein guter Mensch”. Das machte mich nachdenklich. Wusste er also genau, was er tat? Dass er in diesem Moment “das Böse” verkörperte? Den Anschein hatte es.
Gibt es “geborene” Bösewichte?
Sind manche Menschen also einfach “böse” geboren? Hier hilft vielleicht der Vergleich zur Tierwelt: Gibt es Tiere, die quasi von Geburt an böse sind? Bösartige Tiere, die angreifen, obwohl sie satt sind, die töten, obwohl sie nicht auf Nahrungssuche sind? Existiert “das Böse” in der Tierwelt? Und wenn nicht - warum haben wir es dann in unserer Spezies so perfektioniert?
Letztlich, so meine These, tragen wir wohl alle die Anlage zum Bösen in uns. Aber die Schwelle ist vermutlich sehr unterschiedlich. Was braucht es, um böse zu werden? Und wie lange dauert es? Hier kommen komplexe Wechselwirkungen von Persönlichkeitsstruktur, Sozialisationsbedingungen und situativen Faktoren ins Spiel.
Ein Ende der Gewaltspirale?
Ist “das Böse” also ein unausrottbarer Teil der menschlichen Natur? Werden wir immer wieder Gewalt, Unterdrückung und Grausamkeit hervorbringen? Das ist eine Frage, die mich umtreibt. Fragt man die Menschen heute, wären natürlich alle damals “im Widerstand” gewesen. Das halte ich jedoch für ausgemachten Quatsch - sowohl für die Zeit des Dritten Reiches als auch für die DDR. Das ist mir zu einfach.
Dennoch gibt es Hoffnung. Denn so wie wir lernen können, zu hassen und zu unterdrücken, können wir auch lernen, Mitgefühl und Solidarität zu üben. Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch! Gesellschaften, in denen Werte wie Gleichheit, Gerechtigkeit und gegenseitiger Respekt verankert sind, sind widerstandsfähiger gegen die Versuchungen des Bösen.
Ausblick
Einfache Antworten gibt es in dieser Debatte sicher nicht. Zu komplex sind die Wechselwirkungen von individueller Veranlagung, Sozialisation und situativen Faktoren, die Menschen zu Tätern werden lassen. Doch je mehr wir verstehen, was “das Böse” ausmacht und wie es entsteht, desto eher haben wir eine Chance, Strategien dagegen zu entwickeln.
In einer Zeit, in der Hass und Hetze auch in unserer Gesellschaft wieder auf dem Vormarsch sind, ist diese Auseinandersetzung wichtiger denn je. Wir alle tragen Verantwortung dafür, die Stimme gegen Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu erheben - sei es im Großen wie im Kleinen. Nur wenn wir uns immer wieder unserer eigenen Empathie und Menschlichkeit versichern, können wir hoffen, die destruktiven Kräfte in uns und in der Welt zurückzudrängen. Denn wie schon Edmund Burke erkannte: “Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun.”