Sind wir mal ehrlich: Wenn wir das Wort „Unternehmer“ hören, ploppt bei den meisten von uns sofort ein ganz bestimmtes Bild im Kopf auf. Ein älterer weißer Mann im maßgeschneiderten Anzug, Zigarre im Mundwinkel, der auf einem Berg von Geld sitzt und dessen einziger Lebensinhalt darin besteht, die Rendite zu maximieren und Mitarbeiter wie Zitronen auszupressen. Der Typ „Monopoly-Männchen“ in real, nur ohne den Zylinder, dafür mit einem Privatjet.
Und ja, diese Exemplare gibt es. Wir sehen sie in den Nachrichten, wir lesen über ihre Steuervermeidungsstrategien und wir ärgern uns über ihre Boni, während die Belegschaft Kurzarbeit anmeldet.
Aber ist das die Wahrheit? Oder ist das nur die laute, hässliche Seite einer Medaille, die wir viel zu selten umdrehen?
Ich saß neulich morgens mit meinem Kaffee vor dem Fernseher, das ZDF Morgenmagazin lief, und ich war eigentlich noch im Halbschlaf. Doch dann wurde ich hellwach. Da saß eine Frau, die so gar nicht in dieses Klischee passen wollte. Kein Phrasendreschen, kein BWL-Bullshit-Bingo. Sina Trinkwalder.
Sina Trinkwalder: Der Stachel im Fleisch der Textilindustrie
Vielleicht hast du von ihr schon gehört. Sina Trinkwalder ist die Gründerin der manomama GmbH in Augsburg. Und was sie dort macht, ist eigentlich betriebswirtschaftlicher Selbstmord – zumindest, wenn man den Lehrbüchern der klassischen Ökonomie glaubt.
Sie produziert Textilien. In Deutschland. Und jetzt kommt der eigentliche Hammer: Sie stellt genau die Menschen ein, die auf dem “normalen” Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben. Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende ohne Ausbildung, Menschen mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen, Senioren. Leute, die bei jeder HR-Abteilung durchs Raster fallen, noch bevor die Bewerbungsunterlagen überhaupt durchgesehen wurden.
Im Morgenmagazin und in diversen Interviews haut sie Sätze raus, die man sich eigentlich einrahmen müsste:
Wir beschäftigen Menschen, keine Lebensläufe.
Bähm. Das muss man sacken lassen. In einer Welt, in der wir uns über Optimierung, oder “High Performance” definieren, sagt da jemand: “Ist mir egal, was du auf dem Papier bist. Wer bist du als Mensch?”
Sina Trinkwalder zahlt Stundenlöhne deutlich über dem Mindestlohn, bietet unbefristete Verträge und beweist seit über einem Jahrzehnt, dass man ökologische Kleidung in Deutschland produzieren kann, ohne dass ein T-Shirt 100 Euro kosten muss. Ihre Beweggründe? Wut. Wut darüber, wie wir mit Ressourcen und Menschen umgehen. Sie wollte nicht mehr Teil des Problems sein, sondern Teil der Lösung. Das ist kein “Greenwashing”, das ist Haltung. Und Haltung ist etwas, das man in Bilanzen oft vergeblich sucht.
Götz Werner: Der Anthroposoph mit dem Drogerie-Imperium

Wenn wir über soziale Unternehmer sprechen, kommen wir an einem Namen nicht vorbei, auch wenn er leider 2022 verstorben ist: Götz Werner, der Gründer von dm-drogerie markt.
Auf den ersten Blick ein Widerspruch in sich: Ein Milliardär, der ein riesiges Handelsimperium aufgebaut hat. Das schreit doch förmlich nach Kapitalismus pur, oder? Aber Werner war anders. Er war ein Anthroposoph, der das Unternehmen nicht als Geldmaschine sah, sondern als eine soziale Einrichtung. Sein Credo war fast schon revolutionär simpel:
Ein Unternehmen ist für die Menschen da, nicht die Menschen für das Unternehmen.
Götz Werner hat verstanden, dass ein Unternehmen nur dann langfristig erfolgreich sein kann, wenn es den Menschen dient – und zwar sowohl den Kunden als auch den Mitarbeitern. Er nannte das “dialogische Führung”. Keine Befehle von oben nach unten, sondern Eigenverantwortung.
Und er war einer der lautesten und prominentesten Verfechter des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). Stell dir das mal vor: Ein Mann, der davon profitiert, dass Menschen für Lohn arbeiten, setzt sich dafür ein, dass Menschen Geld bekommen, ohne dafür arbeiten zu müssen. Seine Logik dahinter war bestechend: Wer nicht aus Existenzangst arbeitet, sondern aus Sinnhaftigkeit, der arbeitet besser, kreativer und motivierter.
Er hat gezeigt, dass “sozial” und “erfolgreich” keine Gegensätze sind. dm ist Marktführer, und trotzdem – oder gerade deswegen – sind die Arbeitsbedingungen dort oft besser als bei der Konkurrenz. Er hat bewiesen, dass man im Haifischbecken schwimmen kann, ohne selbst zum Hai zu werden.
Warum ist das nicht der Standard?
Diese Beispiele zeigen: Unternehmertum muss nicht Ausbeutung bedeuten. Es kann ein Werkzeug sein, um Gesellschaft zu gestalten, um Lücken zu schließen, die der Staat offen lässt, und um Würde zurückzugeben.
Sina Trinkwalder und Götz Werner sind keine Heiligen. Sie sind Unternehmer. Sie müssen Geld verdienen, sonst gehen die Lichter aus. Aber sie haben verstanden, dass Gewinn nicht der Zweck des Unternehmens ist, sondern die Bedingung, um den eigentlichen Zweck zu erfüllen: Etwas Sinnvolles zu tun.
Warum gibt es davon so wenige? Oder besser gefragt: Warum nehmen wir sie so selten wahr?
Vielleicht, weil “Good News” keine Klicks bringen. Ein Skandal bei Tönnies verkauft sich besser als eine Erfolgsgeschichte aus Augsburg. Oder vielleicht, weil wir uns so sehr an das Bild des gierigen Kapitalisten gewöhnt haben, dass wir zynisch geworden sind. Wir suchen den Haken. “Die macht das doch nur für PR!”, “Der will doch nur Steuern sparen!”.
Es geht auch anders
Wir müssen aufhören, Wirtschaft und Moral als zwei getrennte Welten zu betrachten. Es ist eine Entscheidung. Jeden Tag. Als Unternehmer entscheide ich, wie ich meine Mitarbeiter behandele. Als Konsument entscheide ich, wem ich mein Geld gebe.
Sina Trinkwalder hat es vorgemacht. Ihr 2013 erschienenes Buch trägt den wundervollen Titel “Wunder muss man selber machen!” Das klingt nach Kalenderspruch, ist aber in ihrem Fall harte Realität. Sie wartet nicht auf die Politik, sie macht einfach.
Vielleicht sollten wir öfter auf diese “stillen Riesen” schauen. Auf die Mittelständler, die ihren Azubis Nachhilfe bezahlen. Auf die Chefs, die in der Krise auf Gehalt verzichten, um niemanden entlassen zu müssen. Es gibt sie. Sie sind nur meistens leiser als die, die auf Twitter (oder X, oder wie auch immer das Ding heute heißt) herumschreien.
Lasst uns diese Geschichten erzählen. Denn sie beweisen: Man kann erfolgreich sein, ohne ein Arschloch zu sein. Und das ist doch mal eine Nachricht wert.