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Das Milliarden-Spiel

Das Milliarden-Spiel

Vorweg

Ich bin kein Gaming-Journalist. Jedenfalls nicht mehr. Oder vielleicht doch irgendwie immer noch. So richtig wird man diese Dinge ja nie los. Wer einmal beruflich über Homeentertainment geschrieben hat, trägt vermutlich irgendwo tief im Körper noch ein kleines Redaktionsgen mit sich herum. Das sitzt da, trinkt kalten Kaffee und murmelt bei jedem neuen Trailer: „Da müsste man eigentlich was drüber schreiben.“

Also gut. Schreiben wir was.

Grand Theft Auto VI” steht vor der Tür. Wobei „vor der Tür“ in diesem Fall bedeutet: Es steht auf der anderen Straßenseite, trägt Sonnenbrille, lehnt an einem Sportwagen und lässt uns noch bis zum 19. November 2026 warten. Rockstar Games hat diesen Termin offiziell gesetzt, Take 2 Interactive verweist in seinen Geschäftszahlen ebenfalls auf diesen Start und erwartet für das Geschäftsjahr 2027 neue Rekordwerte, getrieben durch “GTA VI”.

Und damit sind wir schon mitten im Wahnsinn.

Denn dieses Spiel wird nicht einfach veröffentlicht. Es wird einschlagen. Wie stark, darüber wird gerade eifrig spekuliert. Der Branchenkenner Tom Henderson sagte im Insider-Gaming-Umfeld sinngemäß, “GTA V” habe eine Milliarde Dollar in drei Tagen gemacht, “GTA VI” könne das in einer Stunde schaffen. Eine Milliarde Dollar. In einer Stunde. Doch es kam anders. Seit dem Vorbestellungsstart am 25. Juni 2026 wurde das Spiel bereits über 39 Millionen Mal vorbestellt. Das würde einen Umsatz von rund 3 Milliarden Dollar bedeuten. Wir reden aber von Vorbestellungen und nicht, wie jetzt oft zu lesen ist, von Verkäufen. Ein wichtiger Unterschied…

Und trotzdem möchte man kurz den Taschenrechner öffnen, dann wieder schließen und sich hinlegen.

Die Sache mit den Milliarden

Zahlen haben im Gaming inzwischen etwas Groteskes. Früher hat man ein Spiel gekauft, die Packung aufgerissen, an der Anleitung gerochen und gehofft, dass die CD-ROM nicht zerkratzt ist. Heute sprechen wir über Umsätze, Vorbestellungen, Net Bookings, Live Services und Aktionärserwartungen. Das klingt nicht mehr nach Hobby. Und die Anleger straften Rockstar-Mutterkonzern Take 2 Interactive auch direkt ab. Sie waren mit dem Verlaufspreis von rund 80 Euro nicht einverstanden. Zu billig… Natürlich…

“GTA V” hat 2013 am ersten Verkaufstag rund 800 Millionen Dollar umgesetzt und nach drei Tagen die Marke von einer Milliarde Dollar überschritten. Reuters schrieb damals, das sei schneller gewesen als jedes andere Videospiel, jeder Film oder jedes andere Entertainmentprodukt zuvor. Das muss man sich wirklich mal kurz bewusst machen: Ein Spiel über Autodiebstahl, Satire, Gewalt und sehr fragwürdige Lebensentscheidungen hat Hollywood gezeigt, wo der digitale Hammer hängt.

Und nun kommt “GTA VI”.

Cover Art für GTA Vi
Bild: Rockstar Games / Take-Two Interactive

Die Standardversion liegt bei 79,99 Euro. Die Ultimate Edition bekommt man für 99,99 Euro. Der Veröffentlichungstermin bleibt der 19. November 2026. Natürlich kann man darüber diskutieren. Man kann auch sehr lange darüber diskutieren. Das Internet wird es tun. Das Internet diskutiert auch darüber, ob ein Screenshot bei 400-prozentiger Vergrößerung eine falsche Spiegelung auf einer Motorhaube zeigt. Wir sind als Spezies nicht immer auf der Höhe unserer Möglichkeiten… Ich habe mir die Ultimate Edition vorbestellt und zwar aus einem sehr simplen Grund. Weil ich weiß, dass ich dieses Spiel jahrelang spielen werde und der Preis somit zwar hoch, aber eben auch absolut gerechtfertigt ist. Manchmal muss man sich Dinge eben auch schönreden.

Cover Art für GTA Vi
Bild: Rockstar Games / Take-Two Interactive

Wichtig ist aber: Die oft herumgereichten drei Milliarden Dollar sind als reine Entwicklungskosten nicht sauber offiziell belegt. Seriös greifbarer sind Umsatzprognosen. Analysten erwarteten bereits vor einiger Zeit, dass “GTA VI” im ersten Jahr mehrere Milliarden Dollar einspielen könnte. Die Zahl von 3,2 Milliarden Dollar Umsatz im ersten Jahr wurde zum Beispiel von DFC Intelligence prognostiziert. Sieht man jetzt schon die potentiellen Verkäufer der 39 Millionen Vorbestellungen, könnte diese Prognose schon am ersten Verkaufstag pulverisiert werden. Die Produktionskosten selbst bleiben dagegen Spekulation. Und Spekulation ist im Gaming ungefähr das, was Kräutersalz in deutschen Küchen ist: überall drin, selten nötig.

Heißt: Ja, “GTA VI” wird unfassbar teuer gewesen sein. Nein, wir wissen nicht exakt wie teuer. Und ja, es wird vermutlich trotzdem aussehen wie ein Schnäppchen, wenn die Kasse klingelt. Und die spekulierten Kosten scheinen ja bereits jetzt schon wieder “drin” zu sein - ohne, dass das Spiel bisher überhaupt erschienen ist…….

Rockstar Games: Die Erwachsenen im Kinderzimmer

Rockstar Games ist ein seltsames Unternehmen. Nicht seltsam im Sinne von „die drucken nach Feierabend ihre Ärsche auf dem Büro-Drucker aus“. Sondern seltsam, weil diese Firma seit Jahrzehnten Spiele baut, die sich einerseits anfühlen wie pubertäre Eskalation — und andererseits oft klüger sind als das Feuilleton wahrhaben möchte.

Rockstar wurde Ende der Neunziger als Label unter Take 2 aufgebaut. Aus diesem Label wurde nach und nach eine Marke, die man nicht mehr erklären muss. “GTA”, “Red Dead Redemption”, “Max Payne”, “Bully”, “L.A. Noire”. Man hört diese Namen und weiß sofort: Das sind keine kleinen netten Spiele für zwischendurch. Das sind Welten. Teure Welten. Oft kaputte Welten. Aber eben Welten.

Rockstar hat dabei etwas geschafft, was in dieser Branche selten ist. Sie haben eine eigene Handschrift. Nicht nur grafisch. Nicht nur technisch. Sondern im Ton. Rockstar-Spiele sind überzeichnet, zynisch, manchmal geschmacklos, manchmal brillant und oft unangenehm präzise. Man lacht und merkt zwei Sekunden später, dass man eigentlich gerade über sich selbst gelacht hat. Das ist die bessere Sorte Satire. Die, bei der man kurz zusammenzuckt.

Und genau deshalb ist GTA auch nie nur das „Ballerspiel“ gewesen, als das es in Talkshows gerne verkauft wurde. Natürlich kann man in GTA unfassbar viel Unsinn machen. Man kann Autos klauen, Chaos anrichten, Missionen ignorieren und sich stundenlang benehmen wie ein absolut untragbarer Mensch. Das ist der Spielplatz. Aber darunter liegt immer ein Spiegel. Ein verzerrter, lauter, vulgärer Spiegel.

Grand Theft Auto: Der hässliche Bruder der Wirklichkeit

GTA lebt davon, dass es unsere Welt nimmt und sie so lange anschreit, bis sie ehrlich wird.

“Liberty City” war nie nur New York. “Los Santos” war nie nur Los Angeles. “Vice City” war nie nur Miami. Diese Orte waren immer Karikaturen. Und wie gute Karikaturen übertreiben sie nicht wahllos. Sie übertreiben dort, wo ohnehin schon etwas schief hängt.

Werbung, Medien, Kapitalismus, Politik, Religion, Gewalt, Männlichkeit, Sexismus, Reichtum, Armut, Status, Konsum. GTA hat sich immer an diesen Dingen gerieben. Mal mit der feinen Klinge. Mal mit einem Vorschlaghammer aus dem Baumarkt. Nicht jede Pointe saß. Nicht jede Provokation war klug. Manchmal war Rockstar auch einfach nur pubertär. Aber eben selten langweilig.

Und das ist ein Unterschied.

GTA III” machte 2001 aus der Reihe endgültig ein dreidimensionales Open-World-Phänomen. “Grand Theft Auto: Vice City” legte den Achtzigerjahre-Neonfilter darüber. “Grand Theft Auto: San Andreas” baute daraus ein riesiges Gangster-Epos. “Grand Theft Auto IV” wurde ernster, grauer, melancholischer. “Grand Theft Auto V” dann wieder breiter, lauter, größer. Drei Hauptfiguren. Eine riesige Stadt. Ein absurdes Maß an Freiheit.

Und dann kam “GTA Online”.

GTA V wollte einfach nicht gehen

“GTA V” erschien 2013. Das ist so lange her, dass man fast ehrfürchtig werden möchte. 2013 war das Jahr, in dem viele Menschen noch dachten, soziale Netzwerke würden die Welt besser machen. Süß eigentlich.

Seitdem ist “GTA V” einfach geblieben. Auf mehreren Konsolengenerationen. Immer wieder neu aufgelegt. Immer wieder technisch angepasst. Immer wieder verkauft. Laut Reuters wurden bis 2026 rund 230 Millionen Exemplare von “GTA V” verkauft.

Der eigentliche Motor war aber “GTA Online”. Ein Spiel im Spiel. Eine dauerhaft laufende Welt, in der Spieler Missionen erledigen, Immobilien kaufen, Autos sammeln, Heists planen und Geld ausgeben. Echtes Geld für digitale Dinge. Darüber kann man die Nase rümpfen. Mache ich auch manchmal. Aber dann sollte man fairerweise auch erwähnen, dass Menschen früher Diddl-Blätter gesammelt haben. Wir waren nie so überlegen, wie wir gerne glauben.

Take 2 nennt “GTA Online” und “GTA V” noch in den Geschäftszahlen für 2026 als wichtige Umsatztreiber. Auch “Red Dead Redemption 2” und “Red Dead Online” tauchen dort auf. Das erklärt, warum Rockstar sich Zeit lassen konnte. Wenn der Vorgänger nach über zehn Jahren immer noch Geld verdient, muss man nicht hektisch werden. Dann kann man polieren. Oder warten. Oder beides.

Natürlich hat dieses Warten auch eine Kehrseite. Die Erwartungen sind inzwischen nicht mehr normal. “GTA VI” muss nicht nur gut werden. Es muss beweisen, dass elf Jahre Wartezeit gerechtfertigt waren. Es muss Fans abholen, Neueinsteiger begeistern, Aktionäre beruhigen und Kritiker überzeugen.

Red Dead Redemption: Rockstars leise Seite

Wer Rockstar nur über GTA definiert, macht es sich zu einfach. Das wäre ungefähr so, als würde man Stefan Raab nur auf „Wadde hadde dudde da?“ reduzieren. Kann man machen. Ist aber dann eben auch ein bisschen doof.

Red Dead Redemption 2” erschien am 26. Oktober 2018. Rockstar kündigte den Termin damals selbst an und entschuldigte sich für die Verschiebung, weil man mehr Zeit für Feinschliff brauche. Rückblickend war das offenbar keine schlechte Idee.

Cover- Art von Red Dead Redemption II
Bild: Rockstar Games / Take-Two Interactive

“Red Dead Redemption 2” ist ein anderes Tier als GTA. Langsamer. Schwerer. Trauriger. Es ist kein Spiel, das einem ständig ins Gesicht springt. Es setzt sich eher neben einen ans Lagerfeuer und erzählt irgendwann, nach viel zu vielen Stunden, warum es eigentlich immer schon traurig war. Arthur Morgan ist keine Figur, die man einfach steuert. Man begleitet ihn. Und irgendwann merkt man, dass man ihn mag. Obwohl er Dinge tut, die man nicht mögen sollte. Das ist eine große Stärke von Rockstar: Sie können Eskalation. Aber sie können auch Melancholie.

Ich habe “Red Dead Redemption 2” förmlich verschlungen. Ein stundenlanger, nicht enden wollender Western, in dem man selbst die Hauptrolle spielt? Da war ich aber SOWAS von dabei. Ich gründete einen “Clan” und spielte regelmäßig online mit Freunden. Meine “Cole Younger Gang” raubte Züge aus und erfüllte Kopfgeld-Missionen. Warum “Cole Younger Gang”, fragst du? Nun, Cole Younger und seine Brüder taten sich mit den James-Brüdern zusammen und gründeten die “James-Younger-Bande” und später war… Egal, ich schweife ab. Dieses Spiel war (und ist) MEIN Spiel. Und auch heute setzt es immer noch grafische und inhaltliche Maßstäbe - nach 8 Jahren!

Nicht umsonst gilt “Red Dead Redemption 2” mit einem Metascore von 97 zu einem der besten Videospiele aller Zeiten. Und drei weitere Rockstar-Titel finden sich zudem in den Top 15. Das ist beachtenswert.

Screenshot aus Red Dead Redemption II
Bild: Rockstar Games / Take-Two Interactive

Für “GTA VI” ist das wichtig. Denn die große Frage lautet nicht, ob Rockstar eine große Welt bauen kann. Natürlich können sie das. Die Frage lautet: Können sie in dieser großen Welt wieder Figuren erzählen, die einen fesseln?

Vice City: Zurück in die Sonne

“GTA VI” führt zurück nach “Vice City”. Aber eben nicht zurück in die alte Vice-City-Postkarte aus den Achtzigern. Rockstar spricht vom Bundesstaat “Leonida”, von “Vice City” und von der „dunkelsten Seite des sonnigsten Ortes in Amerika“. Außerdem nennt Rockstar “GTA VI” die bisher größte und immersivste Weiterentwicklung der Reihe.

Das klingt erstmal nach Marketing. Natürlich klingt es nach Marketing. Was sollen sie auch schreiben? „Wir haben da ein recht ordentliches Spiel gebaut, könnte man sich mal anschauen“? Eher nicht.

Aber die Rückkehr nach “Vice City” ist trotzdem spannend. Denn Miami — oder Rockstars Version davon — ist als Kulisse fast zu dankbar. Sonne, Strand, Reichtum, Drogen, Boote, Waffen, Influencer, Immobilienwahnsinn, Alligatoren, Verschwörungsgeschwurbel und Menschen, die vermutlich auch dann noch oberkörperfrei Auto fahren würden, wenn die Apokalypse bereits auf der Rückbank sitzt.

Florida ist im Grunde schon ohne Satire schwer zu glauben. Rockstar muss hier also aufpassen, dass die Wirklichkeit nicht schneller eskaliert als das Spiel. Das ist heute ja ein grundsätzliches Problem für Satiriker. Früher konnte man Dinge überzeichnen. Heute schaut man kurz in die Nachrichten und denkt: Ach so. Wurde schon überboten.

Im Zentrum stehen Lucia und Jason. Reuters beschreibt die beiden als eine Art Bonnie-and-Clyde-Duo in einer fiktionalen Miami-Variante. Eine weibliche Hauptfigur so sichtbar ins Zentrum eines modernen GTA zu stellen, ist bemerkenswert. Nicht, weil Frauen in Spielen eine Sensation wären. Sind sie nicht. Sondern weil GTA als Reihe immer sehr stark von männlicher Kriminalitätsfantasie, Statusgehabe und Testosteron-Unsinn lebte.

Das kann interessant werden. Oder fürchterlich diskutiert. Wahrscheinlich beides.

Die Angst vor dem Kulturkampf

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass “GTA VI” wieder ein Schlachtfeld wird. Nicht nur im Spiel. Außerhalb.

Die einen werden schreien, Rockstar sei zu woke geworden. Die anderen werden schreien, Rockstar sei nicht woke genug. Wieder andere werden Frames aus Trailern analysieren, als ginge es um die Zapruder-Aufnahmen.

Das ist heute eben so.

Dabei war GTA immer politisch. Nicht parteipolitisch. Aber gesellschaftspolitisch. Wer GTA für unpolitisch hält, hat vermutlich nur die Autos gesehen. Diese Reihe hat immer Amerika zerlegt. Den Freiheitsmythos. Den Konsum. Den Medienzirkus. Die Heuchelei. Das Geschäft mit Angst, Sex, Gewalt und Erfolg. GTA war nie neutral. Es war nur so laut, dass manche die Haltung mit Krach verwechselt haben.

Und genau deshalb wird “GTA VI” interessant. Denn die Gegenwart ist schwieriger geworden. Nicht unbedingt schlechter. Aber aufgeladener. Früher konnte Rockstar noch relativ entspannt alles und jeden beleidigen. Heute wird jeder Satz sofort einsortiert. Links. Rechts. Woke. Anti-woke. Problematisch. Mutig. Feige. Genial. Unspielbar.

Das Spiel wird also nicht nur daran gemessen werden, ob die Autos gut fahren. Sondern daran, ob Rockstar noch beißen kann. Und ob wir als Publikum überhaupt noch gebissen werden wollen.

Warum Neueinsteiger trotzdem keine Angst haben müssen

Für GTA-Fans ist die Sache klar. Die kaufen das Ding. Manche (so auch ich…) werden Urlaub nehmen. Manche werden “krank” sein. Natürlich rein zufällig. Magen-Darm ist im November ja auch ein Klassiker.

Aber was ist mit Menschen, die noch nie GTA gespielt haben?

Die müssen keine Angst haben. GTA ist im Kern nicht kompliziert. Man muss keine 38 Vorgänger kennen. Man muss keine Lore auswendig lernen. Es ist keine Fantasy-Saga, bei der man erst verstehen muss, warum der Elbenrat im dritten Zeitalter den magischen Topflappen nicht an den Zwergenkönig übergeben durfte.

GTA funktioniert, weil man die Welt sofort erkennt. Stadt. Straße. Radio. Werbung. Polizei. Geld. Status. Dummheit. Man läuft los und versteht das Prinzip. Nicht moralisch. Aber spielerisch.

Und dann passiert das, was gute offene Welten schaffen: Man nimmt sich etwas vor und landet ganz woanders. Man will eine Mission starten und hört plötzlich einem Radiosender zu. Man fährt zum Ziel und bleibt an einer Nebenfigur hängen. Man klaut ein Auto und merkt, dass man eigentlich nur durch die Gegend fahren möchte. Das ist der Kern von GTA. Nicht Gewalt. Freiheit.

Natürlich eine künstliche Freiheit. Eine programmierte Freiheit. Eine Freiheit mit Missionsmarkern, Physikengine und Nutzungsbedingungen. Aber dennoch eine Freiheit, die Spiele so besonders macht. Man schaut nicht nur zu. Man ist beteiligt.

Der Preis der Größe

Bei aller Vorfreude muss man trotzdem fragen: Wird das alles noch gesund?

Ein Spiel für 79,99 Euro als Standardversion ist ein Signal. Reuters zitiert den Spieleprofessor Joost van Dreunen mit der Einschätzung, 80 Euro seien angesichts der Erwartungshaltung wohl kaum ein Verkaufshemmnis; gleichzeitig könne “GTA VI” die Lücke zwischen großen Blockbustern und kleineren Publishern weiter vergrößern. Das ist ein wichtiger Punkt.

Denn wenn “GTA VI” mit diesem Preis und dieser Wucht durch die Decke geht, werden andere Publisher sehr genau hinschauen. Nicht jeder kann Rockstar sein. Aber viele werden so tun. Und dann bekommen wir vielleicht mehr teure Editionen, mehr Vorbestellerboni, mehr Live-Service-Mechaniken, mehr Monetarisierung. Nicht weil es gut ist. Sondern weil es funktioniert.

Das ist die eigentliche Gefahr.

Rockstar kann sich Größe leisten. Andere versuchen Größe zu imitieren und vergessen dabei das Spiel. Dann entstehen diese traurigen Produkte, die aussehen wie Blockbuster, sich aber anfühlen wie PowerPoint-Präsentationen mit Explosionen. Viel Oberfläche. Wenig Seele.

“GTA VI” darf deshalb nicht nur groß sein. Es muss rechtfertigen, dass es groß ist.

Meine Hoffnung

Ich hoffe, dass “GTA VI” nicht nur ein technischer Triumph wird. Nicht nur ein Grafikbrett. Nicht nur ein Verkaufsrekord mit Palmen. Ich hoffe, dass Rockstar wieder diese Mischung findet, die sie im besten Fall so stark macht: Spielplatz und Kommentar. Albernheit und Präzision. Eskalation und Beobachtung.

Ich möchte in “Vice City” nicht nur Quatsch machen. Obwohl ich natürlich Quatsch machen werde. Seien wir ehrlich. Jeder wird Quatsch machen. Selbst der seriöseste Feuilletonist wird irgendwann mit einem gestohlenen Cabrio gegen eine Strandbar fahren und danach einen Text über „ludonarrative Kapitalismusbrechung“ schreiben.

Aber ich möchte auch Figuren treffen, die hängen bleiben. Ich möchte Radiosender hören, die unsere Gegenwart besser erklären als manche Talkshow. Ich möchte Werbung sehen, bei der ich lache und mich gleichzeitig schäme, weil sie gar nicht so weit weg ist. Ich möchte eine Welt, die größer ist als ihre Karte.

Und ich möchte, dass Rockstar den Mut hat, unbequem zu bleiben.

“GTA VI “wird vermutlich Rekorde brechen. Vielleicht stürzen die Server ab. Vielleicht stürzt das Internet ab. Vielleicht stehen am 19. November 2026 weltweit Menschen mit Augenringen vor ihren Bildschirmen und sagen am nächsten Morgen im Büro: „Ich habe schlecht geschlafen.“ Natürlich. Sehr schlecht. Ganze zwölf Stunden in “Vice City”.

Aber hinter dem Hype steckt mehr als nur ein Spiel. “GTA VI” ist auf vielen Ebenen ein Gradmesser. Für die Spielebranche. Für Popkultur. Für Preise. Für Erwartungen. Für die Frage, ob ein einzelnes Werk heute überhaupt noch normal erscheinen kann, wenn vorher jahrelang eine globale Erwartungsmaschine darauf herumgekaut hat.

Vielleicht wird “GTA VI “ein Meisterwerk. Vielleicht „nur“ ein sehr gutes Spiel. Vielleicht wird es an Erwartungen gemessen, die kein Spiel erfüllen kann. Das wäre dann nicht Rockstars Problem allein. Das wäre auch unseres.

Denn wir haben aus einem Spiel ein Ereignis gemacht, bevor wir es überhaupt spielen konnten.

Und genau das ist vielleicht der eigentliche Wahnsinn.

Nicht, dass “GTA VI” Milliardenumsätze machen wird.

Sondern dass uns das inzwischen kaum noch überrascht.