Die ganze Welt ist ICH

Die ganze Welt ist ICH

Es gibt Tage, da möchte ich morgens gar nicht erst aufstehen. Nicht, weil das Bett so gemütlich ist, sondern weil ich weiß, was da draußen auf mich wartet. Eine Welt voller Ich-AGs. Eine Gesellschaft, die zunehmend vergisst, dass das Wort „Gesellschaft“ von „Geselle“, also Gefährte, kommt – und nicht von „Gegner“.

Unter dem Motto “Die ganze Welt ist ICH” möchte ich heute mal Tacheles reden. Und ich warne dich vor: Dieser Text könnte wehtun. Er soll wehtun. Denn ich möchte provozieren. Ich möchte genau dieses unangenehme Gefühl in der Magengrube erzeugen, das uns befällt, wenn wir ertappt werden. Diesen Moment, in dem du denkst: “Scheiße! Der meint mich.”

Die asozialen Egoisten von nebenan

Es geht mir um die Menschen, die sich nicht solidarisch verhalten – ja, die regelrecht asozial agieren. Und damit meine ich nicht die, die am Rande der Gesellschaft stehen. Ich meine die Mitte. Ich meine uns.

“Wenn jeder an sich selbst denkt, ist auch an alle gedacht.” Dieser zynische Satz scheint für immer mehr Menschen zum Lebensmotto geworden zu sein. Es sind die Leute, die nie über den eigenen Tellerrand gucken. Für die es nur ICH gibt, aber kein WIR. Und sie sind überall!

Sie drängeln sich geschickt an der Supermarktschlange vor (“Ich hab nur zwei Teile!”), ignorieren rote Ampeln, weil sie es ja eilig haben, und halten Gesetze eher für grobe Handlungsempfehlungen, die man befolgen kann, solange sie die eigene “Freiheit” nicht einschränken. Sie parken auf Behindertenparkplätzen (“Nur kurz zum Bäcker!”), blockieren Feuerwehrzufahrten oder nutzen die Rettungsgasse, um im Stau dreißig Meter gutzumachen.

Sie tricksen, nutzen Lücken, biegen Vorschriften und sehen Fehler prinzipiell immer nur bei den “anderen”. Sie sind asoziale Egoisten, die zwar die Vorzüge einer solidarischen Gemeinschaft genießen (Krankenversicherung, Straßenbau, Sicherheit), ihr aber durch ihr Verhalten konstant schaden.

Krieg auf dem Asphalt

Warum das ein Problem ist? Weil ICH nie WIR bedeutet. Und das kostet, so melodramatisch das klingen mag, Menschenleben. Ganz direkt und unmittelbar.

Nehmen wir den deutschen Straßenverkehr, den ultimativen Spielplatz für egomanische Neurosen. Hier fallen asoziale Menschen besonders auf, weil sie hier PS-stark das ICH über das WIR stellen. SIE haben das Auto im Griff. SIE fahren seit Jahren unfallfrei. SIE lassen sich ihre Freiheit nicht nehmen, so schnell zu fahren, wie SIE wollen.

Doch der Verkehrsraum ist kein privater Spielplatz für Potenzprobleme. Er ist ein geteilter Sozialraum. Hier fährt eben nicht nur ER (der statistisch gesehen häufigste Unfallverursacher bei Raserei), sondern auch ältere Menschen, Fahranfänger, Unsichere. Menschen, die in einem alten Kleinwagen sitzen, weil das Geld für den SUV mit zwölf Airbags nicht reicht.

Ja, auch ein unsicherer Fahrer kann gefährlich sein. Aber er verhält sich meist passiv. Der Raser, der Drängler, der Egoist verhält sich aktiv gefährlich. Das ist der Unterschied. Laut Statistischem Bundesamt ist nicht angepasste Geschwindigkeit immer noch eine der Hauptursachen für Unfälle mit Todesfolge.

Wir sind eine Gesellschaft, in der Reich neben Arm, Stark neben Schwach und Alt neben Jung existieren muss. Das funktioniert nur durch Solidarität. Das Prinzip “Der Starke frisst den Schwachen” haben wir eigentlich mit der Erfindung der Zivilisation hinter uns gelassen. Das ist der Unterschied zwischen dem Menschen und dem Tier. Zumindest sollte er das sein.

Das “ich bin aber wichtiger”-Syndrom

Ein weiteres Beispiel für den Tellerrand, der direkt an der eigenen Stirn endet, ist der Kampf um Ressourcen. Stellen wir uns das am Beispiel einer kleinen Gemeinde vor.

Es gibt ein Haushaltsbudget. Ein Topf voll Geld. Und nun geht das Hauen und Stechen los:

Die Liste ließe sich endlos fortführen. Das Perfide daran: Jeder von ihnen hat Recht. Jedes Anliegen ist für sich genommen wichtig. Bei jedem ist es “dringend”.

Aber niemand sieht das große Ganze. Niemand fragt: “Okay, wenn ich jetzt das Geld bekomme, wem fehlt es dann?” Es ist ein Verteilungskampf, bei dem Solidarität oft als erstes auf der Strecke bleibt. Man nennt das in der Soziologie auch die Tragik der Allmende: Wenn jeder das Maximum für sich rausholt, ist am Ende für alle nichts mehr da.

Helga und der Klassenlehrer

Als “stellvertretender Elternvertreter a.D.” (ein Job, für den man eigentlich Schmerzensgeld bekommen müsste), saß ich oft in diesen entsetzlich anstrengenden Elternabenden.

Ich erinnere mich an “Helga” (Name von der Redaktion geändert, aber wir kennen alle eine Helga). Helga echauffierte sich lautstark vor dem Klassenlehrer, warum denn derzeit so viele Unterrichtsstunden ausfallen würden. Das sei eine Unverschämtheit! Ihr Kevin müsse doch gefördert werden!

Dass der Lehrer vor ihr Augenringe bis zum Kinn hatte, weil er gerade den Job von zwei erkrankten Kollegen mitmacht, sah sie nicht. Dass der Unterrichtsausfall ein Resultat von Fachkräftemangel, Grippewelle und einem kaputtgesparten System ist? Egal. Helga hat ein Bedürfnis. JETZT. Und das muss befriedigt werden. Ihr Kevin ist wichtiger als das Burnout des Lehrers. Punkt.

Eine Frage der Haltung

Versteht mich nicht falsch: Niemand von uns ist frei von Fehlern. Auch ich ertappe mich dabei, wie ich mich über den Schleicher auf der linken Spur aufrege oder genervt bin, wenn meine Wünsche politisch nicht umgesetzt werden.

Dennoch finde ich wichtig, dass die Grundeinstellung stimmt. Und hier sehe ich seit Jahren eine massive Verschiebung. Weniger Miteinander. Viel mehr ICH. Wir optimieren uns selbst, wir optimieren unseren Vorteil, und wir vergessen dabei, dass wir soziale Wesen sind.

Die gute Nachricht ist: Wir sind dem nicht hilflos ausgeliefert. JEDER von uns kann das sofort ändern.

Es beginnt mit der verdammt harten Arbeit der Selbstreflexion. Es bedeutet, mal auf das eigene Recht zu verzichten, auch wenn man Vorfahrt hätte. Es bedeutet, die eigene Freiheit kurz einzuschränken, damit ein anderer Mensch sich sicher fühlen kann. Es bedeutet, zu verstehen, dass meine Bedürfnisse wichtig sind – aber nicht wichtiger als die aller anderen.

Habe ich mich heute asozial verhalten? Habe ich heute mein Ego über das Wohl der Gemeinschaft gestellt? Wenn wir uns diese Fragen abends vor dem Spiegel stellen – und ehrlich antworten –, dann haben wir den ersten Schritt gemacht.

Vielleicht erkennst du dich in diesem Text wieder. Vielleicht auch nicht. Aber wenn du beim Lesen auch nur einmal kurz gezuckt hast… dann habe ich mein Ziel erreicht.