Die Krone der Schöpfung
Vermutlich sind wir die einzige Spezies auf der Welt, die täglich daran arbeitet, sich selbst zu vernichten. “Die Krone der Schöpfung” - eine Selbstbezeichnung, die im Laufe der Jahre immer zynischer wirkt. Die Evolution des Menschen und der Fortschritt schritten, spätestens mit dem Beginn der Industrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts, steil voran. Davor stagnierte die Entwicklung über viele Jahrtausende weitgehend. Nach dem Faustkeil kam das Feuer, das Rad, später wurden die ersten Häuser aus Steinen und Holz gebaut, Tiere domestiziert und die ersten Waffen aus Eisen oder Bronze gegossen. Bis zur genannten Industrialisierung verlief der Fortschritt in einem angenehmen Tempo.
Dann beschleunigte sich alles rasant. Fabriken, Autos, Wolkenkratzer, Telefon, Internet, Smartphone und KI - die letzten 100 Jahre waren eine Fortschrittsevolution ohnegleichen. Und sie ist noch längst nicht abgeschlossen. Der Mensch hat den Fortschritt durchgespielt. Die Schöpfungskrone hat sich längst selbst überholt, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt.
Generation “mental im Arsch”
Laut Daten des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2020 psychische Erkrankungen für 18% der Krankenhausbehandlungen von 15- bis 24-Jährigen verantwortlich. Im Vergleich zu den letzten 15 Jahren, wo dieser Anteil bei etwa 12% lag, zeigt sich ein Anstieg auf 18%. Für die Altersgruppe der 10- bis 17-Jährigen waren psychische Erkrankungen 2021 die häufigste Ursache für Krankenhausbehandlungen. Der Anteil und die Zahl dieser Behandlungen sind in den letzten zehn Jahren gestiegen. Im Jahr 2011 waren es etwa 75.200 oder 13% der Klinikpatienten in dieser Altersgruppe, verglichen mit knapp 81.000 von 427.600 Fällen im Jahr 2021.
Zudem zeigt der Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit, dass vor allem jugendliche Mädchen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren mit Depressionen, Angststörungen und Essstörungen in ärztlicher Behandlung sind. Die Neuerkrankungsrate bei Depressionen ging 2022 im Vergleich zu 2021 um elf Prozent zurück, lag aber im Vergleich zu 2019 um 24% höher. Bei Ängsten und Essstörungen sind die Zahlen ebenfalls besorgniserregend.
Diese Zahlen dürften uns allen aus dem Alltag bekannt vorkommen. Es ist inzwischen schwer, junge Menschen im eigenen Umfeld zu finden, die mental gesund sind. “Mir wird das alles zu viel”, hört man oft. Aber WAS wird da zu viel?
Die oft erwähnte “Gen Z” sieht an ihren Eltern, wohin sich ihr eigenes Leben entwickeln könnte, wenn sie “auf Linie” bleiben. Der Weg scheint vorbestimmt: Schule, guter Abschluss, Ausbildung/Studium, Berufseinstieg, Familie gründen, Haus bauen, in Rente gehen und sterben. So war es immer. An ihren Eltern sehen sie aber auch, wie “glücklich” dieses Leben macht. Dass man sich am Montagmorgen in den wöchentlichen Alltag quält, sich freitags dann ins Wochenende “rettet” und ansonsten versucht, das Beste aus dem Tag zu machen. Dies tut man, um dann ein bis zwei Mal im Jahr in den Urlaub fahren zu können – wenn man es sich leisten kann…
Aber die allgemeine Lebenserwartung der Menschen steigt stetig an. Wir werden immer älter. Auch ein Gewinn der medizinischen Forschung und Entwicklung der vergangenen Jahrhunderte. Also ist doch alles in Ordnung? Oder nicht?
Jetzt mal Tacheles!
Der Mensch ging schon immer den Weg des geringsten Widerstands. Erst lief er zu Fuß, dann erfand er das Rad, das Fahrrad, das Auto und den Düsenjet. Inzwischen läuft er kaum noch. Der Mensch lebte in Höhlen, und inzwischen bringt ihn ein Fahrstuhl in den 32. Stock seines Wohnhauses. Früher musste er noch aufstehen, um die Sender am Fernseher zu wechseln, tat dies dann schnell mit einer Fernbedienung und inzwischen per Sprachbefehl. Man könnte unzählige solcher Beispiele finden. Der Mensch wird zunehmend bequemer – nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Musste er sich früher noch durch mehrere Bände der Brockhaus-Enzyklopädie kämpfen, nutzte er später Wikipedia, Google und inzwischen eine allwissende künstliche Intelligenz. Wissen ist schlicht nicht mehr notwendig, die binomischen Formeln sind ein Relikt der Bildungshistorie und wenn man wissen will, wo die nächste Waschanlage geöffnet hat, fragt man das Smartphone.
Es gibt aber einen Aspekt, der dies alles noch überschattet. Wir haben über die Jahrhunderte nicht bemerkt, dass uns die wichtigsten Eigenschaften unserer Spezies immer mehr abhandenkommen. Das, was uns von der Amöbe unterscheidet, ist die Fähigkeit des menschlichen Geistes. Unsere Spezies kann kausale Zusammenhänge erkennen, nach ethisch-moralischen Prinzipien handeln und Werkzeuge erschaffen. Und um das zu erreichen, braucht es nur einen Schmierstoff: Langeweile. Nur sie lässt uns nachdenken, grübeln und sinnieren. Aus ihr heraus entsteht Kreativität, entstehen Geistesblitze. Aber wir haben keine Langeweile mehr. Unser Tag ist ein einziges Entertainment. Und wenn das Gehirn kurz unbeschäftigt scheint, suchen wir umgehend Abhilfe. Wir haben auch das Dauerentertainment durchgespielt und uns dabei ebenfalls selbst überholt. Und anstatt das umgehend zu begreifen und gegenzusteuern, erfindet der Mensch (natürlich!) eine Super-Intelligenz, die inzwischen sogar schlauer ist als er selbst. Er sorgt dafür, sich selbst abzuschaffen. Mehr “Krone der Schöpfung” ist wohl kaum möglich.
Und jetzt?
Dieses Thema war und ist immer wieder Gegenstand dieses Blogs. Ich wünschte, ich könnte hier und da zu einem positiveren Fazit kommen. Aber die Fakten sind klar. Wir haben uns vermutlich längst selbst überholt. Meine Generation und auch die davor sind im Konsumstrudel gefangen. Das unbefriedigende Leben wird kompensiert – durch sinnlose Einkäufe, Essen und Unterhaltung. Und das betrifft uns alle. Es gibt diejenigen, die das erkannt haben, und diejenigen, die noch die rosarote Brille tragen, weil es auch keine Lösung gibt. Wie sollte die auch aussehen? Kehren wir 150 Jahre Fortschritt um und bestellen unsere eigenen Kartoffelfelder mit dem Ochsenkarren? Es gibt Menschen, die das noch oder wieder tun – oft belächelt von der restlichen Zivilgesellschaft. Ob deren Kinder auch mentale Probleme haben oder diese Menschen glücklicher sind? Dazu habe ich keine belegbaren Zahlen gefunden.
Ich denke in diesen Momenten oft an Kinder in Namibia. Für ein Hilfsprojekt habe ich damals in einer Werbeagentur einen Film geschnitten, der Spendengelder generieren sollte. Das Projekt Kaokoland. Diese Kinder wirkten auf mich glücklicher und unbeschwerter. Und das, obwohl sie kilometerweit laufen mussten, um Wasser für ihr Dorf zu holen oder zur Schule zu gehen. Obwohl sie keinerlei Besitztümer hatten und sich Bälle zum Spielen aus Ästen bauten. Eine weitgehend unbeschwerte Kindheit? Trotz unendlicher Strapazen? Kinder, die fast weinten, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einen mitgebrachten Apfel bissen, weil sie fast ausschließlich Reisbrei kannten. Uns und unseren Kindern fehlt diese Dankbarkeit und Demut oft. Ein Umstand, den ich für äußerst bedauerlich halte.
Und du?
Am Ende dieses Artikels möchte ich ein kleines Gedankenexperiment wagen. Wer bis hierher gelesen hat, ist vermutlich gerade etwas desillusioniert. Lass uns daher auf eine kleine Reise gehen. Wir drücken jetzt die RESET-Taste. Dein aktuelles Leben spielt keine Rolle. Du wachst morgens auf und öffnest deine Augen. Und jetzt, ab diesem Moment, bestimmst DU deinen Tag. Wo bist du? Was ist das Erste, was du tust? Wen oder was siehst du um dich herum? Wie beginnst du deinen Tag?
Ich wache in einem kleinen Haus auf, neben einer Person, die mir wichtig ist. Dann mache ich uns einen Kaffee. Und dann setzen wir uns vor das Haus auf eine Bank. Vor uns ist Wasser. Vielleicht das Meer. Und wir sitzen da, hören das Meeresrauschen, die Möwen schreien. Allein bei dem Gedanken an diesen Moment bekomme ich Gänsehaut. Dann überlege ich, dass wir gleich unsere wenigen Tiere versorgen müssen. Vielleicht kümmere ich mich um den Nutzgarten. Oder ich fahre mit dem Boot hinaus zum Angeln?
Interessant an diesem Experiment ist, dass die meisten Dinge aus meinem aktuellen Alltag keine Rolle spielen. Wo ist der Fernseher? Das Tablet? Der Arbeitsplatz am Rechner? Wo ist der klingelnde Amazon-Bote oder die Styroporverpackung des großen Döner-Tellers, der gerade geliefert wurde? Was uns direkt zur nächsten Frage führt: Wenn all das in unseren Gedanken keine Rolle spielt – warum tun wir dann nicht alles dafür, diesen Zustand zu erreichen? Die Antwort ist einfach. Weil wir unzählige Gründe finden, es nicht zu tun. Weil ein satter Mensch keine Revolution anzettelt. Weil wir uns in diesem Strudel zu wohl fühlen und daher nichts ändern wollen. Auch, weil wir Veränderungen scheuen.
Das ist die Wahrheit. Und sie tut manchmal weh.