Man wird auf so vieles im Leben vorbereitet. Auf Steuern, auf Beziehungsstress, auf gesunde Ernährung und darauf, dass man bitte stets an sich arbeiten möge. Doch niemand warnt einen vor dem Moment, in dem das eigene Gehirn beschließt, ein hochdramatisches Theaterstück aufzuführen. Ohne Vorwarnung. Und ohne, dass man den Text vorher lesen durfte.
Willkommen in der Welt der zyklusbedingten Gefühlsschwankungen – jenen ein bis zwei Tagen im Monat, an denen sich PMS oder PMDS (Prämenstruelle Dysphorische Störung) von ihrer theatralischsten Seite zeigen.
Der Vorhang hebt sich
Es beginnt meistens unscheinbar. Man ist vielleicht ein bisschen dünnhäutiger. Ein harmloser Satz bleibt plötzlich im Raum hängen. Ein Blick des Partners, der gestern noch neutral war, ist heute ein verschlüsselter Code, den man zwingend dechiffrieren muss. Man hört Untertöne, wo eigentlich nur Stille war.
Und während man noch denkt, man hätte alles im Griff, fährt im Hintergrund bereits die Bühnentechnik hoch. Die Gedanken kommen nicht mehr einzeln, sie rollen in Wellen an. Man analysiert das Gespräch von eben, dann das von gestern, und ehe man sich versieht, steckt man in einem Gedankenkarussell, das nur eine Richtung kennt: abwärts.
Körperliche Schwere trifft emotionale Wucht
Dazu gesellt sich der Körper. Es ist, als würde einem jemand unsichtbare Gewichte auf die Schultern legen. Die Brust wird eng, das Atmen flacher. Und in genau diesem Moment kippt die Wahrnehmung. Man denkt nicht mehr: “Ich habe heute einen schlechten Tag.” Man denkt: “Mit mir stimmt etwas grundsätzlich nicht.” Man fühlt sich zu viel, zu empfindlich, zu kompliziert. Eine Tragödie in fünf Akten, bei der man sich am liebsten unter der Bettdecke verkriechen würde.
Das Publikum im Wohnzimmer
Und dann steht da der Partner. Der Verlobte. Der Ehemann. Er hat denselben Text gesprochen wie an allen anderen Tagen. Er hat dieselbe Stimmlage genutzt. Sein einziger Fehler? Er existiert im selben Raum, während in einem selbst der Sturm tobt.
Er versteht die Welt nicht mehr – und die bittere Wahrheit ist: Er hat auch absolut nichts falsch gemacht. Es ist kein echtes Beziehungsdrama, das sich mit Argumenten lösen ließe. Es ist ein biochemischer Ausnahmezustand. Ein innerer Kampf zwischen dem rationalen Teil, der weiß, dass man gerade völlig übertreibt, und dem emotionalen Teil, der diese Übertreibung als absolute Realität empfindet.
Wie überlebt man die Vorstellung?
Genau hier liegt der Mehrwert, den niemand einem vorher verrät: Man muss das Stück nicht zu Ende spielen. Was in diesen Momenten wirklich hilft?
1. Benennen, was ist: Es ist keine Erkenntnis über das Leben. Es sind Hormone. Sich das aktiv vorzusagen, nimmt dem Drama oft die Spitze.
2. Transparenz: Den Partner einweihen. Ein simples “Mein Kopf spielt heute wieder Shakespeare, bitte nimm nichts persönlich” wirkt Wunder. Es entlastet das Gegenüber und nimmt den Druck aus der Situation.
3. Die Stille aushalten: Manchmal braucht es keine Lösungen, keine tiefgründigen Gespräche. Es reicht jemand, der einfach da bleibt. Der einen in den Arm nimmt und diese absurde, schwere Phase gemeinsam aushält, bis sie leiser wird.
Denn das ist die gute Nachricht: Nach zwei Tagen fällt der Vorhang wieder. Die Gedanken werden leiser, die Schwere weicht. Man kommt wieder bei sich selbst an. Man ist nicht die Tragödie. Man war nur kurz die Hauptdarstellerin in einer sehr intensiven Szene.
Bis zum nächsten Akt.